Zuschüsse zum Rathausbau
Drei Rathausfenster erzählen
Einer der vielen Zeitungsartikel aus der Feder von Robert Schaper
zur Geschichte der Stadt Helmstedt.
Quelle: Beilage zum Helmstedter Kreisblatt 08.05.1965 / " Aus der Heimat - Für die Heimat“ . Fotos: Stadtarchiv u. H. Rohm
Der Neubau des Rathauses am Markt in den Jahren 1903 bis 1905 wurde zum Teil durch Rücklagen, zum Teil durch Anleihen finanziert. Während des Baues kamen manche unvorhergesehene Ausgaben hinzu, so dass die Bausumme sich von ursprünglich 209 000 Mark auf 333 600 Mark erhöhte. Allerdings gab es auch unvorhergesehene Einnahmen; aber diese hielten sich in weit bescheidenerem Rahmen, und wenn sie in der Geschichte des Baues auch kaum in die Augen fallen, so setzen sie doch ein paar interessante Lichter in diese Angelegenheit. Da stellte zunächst der Kreisausschuß einen Betrag von 2.000 Mark zur Verfügung, und zwar für die Einrichtung des Sitzungszimmers der Stadtverordneten -Versammlung. Der Kreisausschuß entsprach in etwa dem heutigen Kreisausschuß. Eine völlige Autonomie des Landkreises wie heute gab es damals ja noch nicht.
Der Kreis wurde von einer staatlichen Behörde, der Kreisdirektion, verwaltet, und nur gewisse Aufgaben hatte der Kreiskommunalverband als Vertretung der Gemeinden und im Rahmen der Selbstverwaltung zu lösen. Die Kreisversammlung als gewählte Vertretung der Gemeinden bestimmte wiederum aus ihren Reihen den Kreisausschuß, der den oben genannten Betrag gab, allerdings unter der Voraussetzung, "dass die Stadt (Helmstedt) die Verpflichtung übernimmt, den fraglichen Sitzungssaal der Kreisversammlung zu deren Sitzungen dauernd zur Benutzung zu überlassen", wie es in dem Schreiben des Kreisdirektors Pini vom 1. Dezember 1905 heißt.
Drei Rathausfenster erzählen
Am 20. Dezember stimmte die Stadtverordneten-Versammlung unter dem Vorsitz des Oberamtsrichters Kruse diesem Vorschlage zu, und bereits am 24. Dezember ging das Geld von der Kreiskommunalkasse bei der Stadtkasse ein. Ein weiterer Betrag wurde von anderer Seite gestiftet. Im neuen Sitzungssaal waren drei Fenster vorgesehen. Nach dem Voranschlag sollten "2 Stück zweiteilige Fenstergruppen, 2,40 m breit und 4,00 m hoch, anzufertigen und einzusetzen, jedoch ohne Verglasung, zu ölen und zu lackieren" 340 Mark, und "ein Stück dreiteilige Fenstergruppe, 4,00 m breit und 4,50 m hoch, sonst wie vor “300 Mark kosten. Diese Beträge waren also für die Rahmen vorgesehen, nicht aber, wie sonst bei den meisten anderen Fenstern, für die Verglasung. Diese wurde - laut Rechnung vom 20. September 1905 - von einer Kunstanstalt für Glasmalerei in Quedlingburg, dem Hoflieferanten Ferdinand Müller, geliefert. Das große Mittelfenster "im Stadtverordnetensaal mit gemalter Stadtansicht und gemaltem Eichbaum mit den Wappen der Handwerker" kostete 1.500 Mark, während sich die beiden Seitenfenster "ebenda mit reicher Ornamentmalerei, die Oberfelder mit gemalten Stadtansichten als Einlagen" auf zusammen 1.100 Mark stellten. Den Betrag von 1.500 Mark stifteten, wie aus einer Bemerkung des Baurats Schellenberg auf der Rechnung hervorgeht, der Magistrat und die Stadtverordneten. Aus den Akten ist darüber weiter nichts ersichtlich; die beiden Gremien werden diesen Beschluss in einer nicht offiziellen Besprechung gefasst haben, da er ja eigentlich eine Privatsache war. Die Namen der Stadtverordneten sind fortlaufend am unteren Rande des großen Mittelfensters angebracht, darüber die Namen des Stadtmagistrates, der sich aus dem Bürgermeister Franz Schönemann und den beiden Stadträten Max Dieckmann (Gutsbesitzer, Edelhöfe 2) und Heinrich Lehrmann (Kreismaurermeister), der sich gerade das große Haus an der Parkstraße gebaut hatte, das später als Burse diente und heute einen Teil der Kreisverwaltung aufgenommen hat, zusammensetzte.
Stadtverordnete waren Oberamtsrichter Franz Kruse als Vorsitzender und Kaufmann Otto Brunke (Neumärker Straße 19), Ziegeleibesitzer Hermann Depold Büddenstedter Weg 1, Fabrikbesitzer Robert Hampe Pagenberg 25, Maurerpolier Heinrich Heine Carlstraße 8, Zigarrenfabrikant Heinrich Hennecke Bahnhofstraße 12-, Schlossermeister August Kölle Harslebertorstraße 14, Fabrikbesitzer Adolf Krull Streplingerode 21, Rentner August Linke Wilhelmstraße 19, Bankier Paul Lüttge Collegienstraße 8, Rentner Wilhelm Neddermeyer Schützenwall 7, Schneidermeister Moritz Richter Holzberg 20, Rentier Wilhelm Simon Bauerstraße 9, Lehrer August Schmidt Marienstraße 3, Rentier Friedrich Stieger (Gröpern 36a), Malermeister Hermann Stöber Ziegenmarkt 1, Rentier Hermann Wagener Batteriewall 21" und Kreiszimmermeister Wilhelm Wesemeier Bauernstraße 7. Während diese Namen den unteren Teil des großen Mittelfensters einnehmen, zeigt dieses Fenster im oberen Teile das Wappen des Herzogtums Braunschweig, die Krone über schreitenden Löwen, links darunter das Wappen der ehemaligen Helmstedter Universität - Simson, wie er dem Löwen den Rachen aufreißt, mit Sonne, Mond und Sternen -, wie es auch am Saalportal des Juleums und über dem Portal am Markt zu sehen ist und rechts darunter das - inoffizielle - Wappen des Helmstedter Rates, wie es auch am Beguinenhause und am Rohrschen Hause, hier beide Male in Holz geschnitzt, angebracht ist: die gekreuzten Abtstäbe, im Volksmund die Löffel genannt.
Drei Rathausfenster erzählen
Unter diesen Wappen sehen wir dann, symmetrisch über die Fläche des Mittelfensters verteilt, die Namen und Zeichen verschiedener Industrie- und Handwerkszweige: den Bergbau mit Schlegel und Hammer, die Maurer mit Hammer und Kelle, die Zimmerer mit Winkel und Beil, die Dachdecker mit den gekreuzten Schieferhämmern, die Klempner mit Zange und Lötkolben, die Tischler mit der Zwinge, die Schlosser mit Hammer und Zange. Die Glaser mit dem Diamanten, und die Maler mit Pinsel und Palette. Hierunter hat der Künstler den heiligen Ludgerus abgebildet, mit Stab und Buch in den Händen, wie im Wappen der Stadt; die farbige Silhouette der mittelalterlichen Stadt bildet den stimmungsvollen Hintergrund. Die beiden Seitenteile des großen Mittelfensters sind nicht ganz so großartig ausgestattet. Links sehen wir unter dem Ackerbau die Wagenbauer mit dem Rad, die Schmiede mit dem Hufeisen, die Sattler mit der Tasche, die Gerber mit dem Messer und die Kürschner mit dem Fell, rechts dagegen unter dem Handel die Fleischer mit Ochsenkopf und Beil, die Bäcker mit der Brezel, die Schuhmacher mit der Kugel, die Schneider mit der Schere und die Friseure mit Kamm und Schere. Dem Betrachter mag auffallen, dass die Schuster eine Kugel als Symbol haben; im Zeichen des elektrischen Neonlichtes ist die Kugel überflüssig geworden.
Die beiden anderen Fenster links und rechts im Rathaussaal sind weit weniger reichhaltig ausgestattet; sie zeigen nur im oberen Teil bildliche Darstellungen. Im Übrigen bestehen die Butzenscheiben aus farbigem Glas, die mit Blei eingefasst sind. In den Medaillons im linken Fenster sehen wir die Stephanikirche und das alte Stadthaus, darunter die Bilder von Dietrich Lichtenstein und Adolf Hartwieg; diese beiden Männer waren von 1744-1773 bzw. von 1874–1879 Bürgermeister von Helmstedt. In den Medaillons des rechten Fensters sind das Juleum und der Hausmannsturm abgebildet, darunter die Bildnisse der Bürgermeister Hildebert Guericke (1879-1898) und Franz Schönemann (1898-1918).
Es wird in den Akten nicht gesagt, aus welchen Gründen man diese Fenster so ausstattete; aber wenn man bedenkt, dass Helmstedt damals eine aufstrebende Stadt im Deutschen Reiche war, so kann man sich vorstellen, dass Stadtverordnete und Magistrat in diesen Darstellungen das noch einmal zum Ausdruck bringen wollten, was sie durch den Bau des neuen Rathauses bereits dokumentiert hatten: Den berechtigten Stolz auf ihre Stadt!
Robert Schaper
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